WomenCraft – das soziale Startup

Hallo Ueli, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für ein Interview mit uns nimmst ! Bitte stelle uns zu Beginn Dich und Dein Team bei WomenCraft kurz vor:

Hi, mein Name ist Ueli Litscher. Ich leite das soziale Startup Unternehmen WomenCraft. Wir beschäftigen über 600 lokale Flechterinnen in Tansania, welche faire und zuverlässige Einkommen verdienen mit WomenCraft. Unser junges Team besteht aus elf motivierten Lokalangestellten und einem internationalen Management-Team von drei Personen, inkl. mir in der Schweiz und meinen Kolleginnen Kara und Lorenza in den USA und Tansania.

Vielleicht möchtest Du uns Euer Startups, ganz zu Beginn unseres Interviews, kurz vorstellen ?

WomenCraft ist ein fair trade zertifiziertes soziales Unternehmen mit Sitz in Tansania und seit diesem Jahr auch in den USA und der Schweiz. Wir produzieren hochwertige, von Hand geflochtene Home Decor Artikel für den Exportmarkt. Sämtliche Produkte werden hergestellt aus natürlichen Gräsern, getrockneter Bananenbaumrinde und den weissen Fäden wiederverwerteter lokaler Reissäcke.

WomenCraft Produkte werden an über 50 Partnerläden auf der ganzen Welt verkauft. Im September 2020 haben wir einen internationalen Onlineshop lanciert, über welchen Kunden in den USA und der Schweiz und EU nun Produkte direkt von WomenCraft kaufen können – das heisst unmittelbar von der Flechterin, ohne Zwischenhandel, zur Käuferin.

Welches Problem wollt Ihr mit WomenCraft lösen ?

Unser Produktionsort ist in der Kagera Region im verarmten Nordwesten Tansanias. Die Region hat eine starke Flechttradition. Jedoch fehlt den lokalen Flechterinnen der Zugang zu Märkten, über welche Sie mit ihrem Handwerk einen Lebensunterhalt für ihre Familien ermöglichen könnten. So leben die meisten Haushalte in Armut und basieren für ihren Lebensunterhalt auf Subsistenzlandwirtschaft. WomenCraft baut auf den bestehenden Flechtfähigkeiten auf und entwickelt mit internationalen Designern und den Flechterinnen international vermarktbare Kollektionen. Über unser Netzwerk an weltweiten Partnerläden und den Onlineshops haben die Flechterinnen Zugang zu internationalen Premium-Märkten. So erzielen Sie den maximal überhaupt möglichen Erlös und können die Lebensumstände ihrer Familien nachhaltig verbessern.

Um sicherzustellen, dass die Frauen ihr Einkommen auch wirklich für ihre Familien verwenden können, investieren wir auch in Counselling-Sessions zwischen Flechterinnen und ihren Partnern. Heute sagt die Mehrheit der Flechterinnen, dass ihre Familien stolz sind auch ihre Arbeit und dass Sie selber oder zusammen mit ihren Partnern finanzielle Entscheide treffen.

Dies ist ein grosser Erfolg in einem Kontext, der sonst noch stark geprägt ist von traditionellen Gender-Rollen.

Wie ist die Idee zu WomenCraft entstanden ?

Mein Hintergrund ist in der Entwicklungszusammenarbeit. Ich habe ca. einen Drittel meines Lebens in Ostafrika gewohnt und war in unterschiedlichen Projekten tätig. Das grosse Fragezeichen in den meisten Projekten ist die Nachhaltigkeit. Projekte führen neue Systeme oder Technologien ein und müssen nach einigen Jahren der Lokalbevölkerung übergeben werden. Viele Projekte versanden nach der Übergabe, weil sie dem lokalen Kontext nicht gut angepasst sind oder diesen zu wenig berücksichtigt haben.

Deshalb bin ich überzeugt, dass sozialorientierte privatwirtschaftliche Ansätze, welche auf bestehenden Fähigkeiten aufbauen, sehr wirkungsvoll und nachhaltig sein können. Alle WomenCraft Produkte basieren auf der lokalen Jahrhunderte-alten Flechttechnik. Wir haben als Unternehmen auch kein Projektbudget und keine Projekttimeline. Wir sind alle Teil vom Unternehmen, welches in die Zukunft bestehen wird. Es herrscht auch keine einseitige Abhängigkeit, denn wir sind abhängig von der Arbeit der Flechterinnen genauso wie sie von unserem Absatz.

Wie würdest Du Deiner Großmutter WomenCraft erklären ?

Wir helfen armen Frauen in Afrika mit ihrem Handwerk schöne Produkte herzustellen, welche wir dann in der Schweiz verkaufen. So können die Flechterinnen gute Einkommen verdienen, mit welchen Sie die Lebensumstände ihrer Familien nachhaltig verbessern können.

Hat sich Euer Konzept seit dem Start irgendwie verändert ?

Anfangs war unser Fokus fast ausschliesslich augerichtet auf Grosskunden und der Produktion von Grossbestellungen. Dies ist super für die Flechterinnen, weil sie mit solchen Bestellungen lange beschäftigt sind. Die sehr tiefen Margen solcher Bestellungen tragen leider wenig zum Unternehmen bei. Deshalb versuchen wir seit 2019 unseren Anteil vom Direktverkauf stetig zu erweitern durch die Teilnahme an Märkten und durch den Onlineshop. So erzielen wir eine bessere Balance zwischen Aufträgen, welche die Flechterinnen über längere Zeit beschäftigen, und Aufträgen, welche das Unternehmen weiterbringen und auch dem Management einen Lebensunterhalt ermöglichen.

Wie funktioniert Euer Geschäftsmodell ?

Alle Produkte sind 100% Fair Trade, Natürlich, Upcycelt und verbinden traditionelle Flechttechniken mit modernen Designs. Wir haben strikte Systeme der Qualitätskontrolle. Wir arbeiten mit 5 Leitflechterinnen, welche den Link herstellen zwischen WomenCraft und den 600 Flechterinnen. Die Leitflechterinnen erhalten via iPad Bestellungen vom WomenCraft Team, welche Sie dann auf ihre Flechtgruppen verteilen. Sie managen zusammen mit unserer Produktionsleiterin die Produktionstimelines und die Qualitätskontrolle. Damit sich die Produkte international verkaufen lassen, arbeiten wir mit Designern zu Kreation moderner Kollektionen.

Wie genau hat sich WomenCraft seit der Gründung entwickelt ?

Anfänglich war WomenCraft ein Projekt mit Finanzierung vom UNO Flüchtlinsgwerk mit dem Ziel der Einkommensgeneration von Flechterinnen in Flüchtlingslagern in Tansania. Nun hat sich der Kreis der Flechterinnen ausgeweitet auf die lokalen tansanischen Gemeinschaften. So verfolgen wir auch einen friedensbildenden Ansatz indem Frauen von unterschiedlichsten Hintergründen zusammengebracht werden, in einer Region, die von andauernden Konflikten und Genozid geprägt ist.

Wie groß ist Euer Startup inzwischen ?

  • Management Team: 3 (Tansania, USA, Schweiz)
  • Lokalangestellte: 11
  • Flechterinnen: 600
  • Umsatz: 180,000 CHF im 2019 mit Ziel von 250,000 CHF im 2020

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen ?

Das Business-Klima in Tansania hat sich stark verschlechtert über die letzten vier Jahre. Vor allem Unternehmen unter ausländischer Führung wurden schikaniert mit Razzien, willkürlichen Bussen und der Nicht-Erneuerung von Aufenthaltsbewilligungen. Das macht unsere Arbeit immer schwieriger, aufwändiger, riskanter und auch teurer. Es war auch einer der Hauptgründe weshalb ich Ende 2019 mit meiner Familie nach acht Jahren in Tansania zurück in die Schweiz zog.

Im Bezug auf unser Businessmodell dachten wir zuerst, dass die eher lebendigen Designs mit bunten lokalen Stoffen beliebt sein würden – schliesslich kommen die Produkte ja aus Afrika! Nach mehreren Designworkshops akzeptierten wir dann, dass ein Fokus auf moderne, schlichtere Designs mit weiss, grau und schwarz für den westlichen Market viel besser geeignet sind.

Was habt Ihr daraus gelernt ?

Unsere 2020 Kollektion besteht ausschliesslich aus modernen, schlichten Designs mit einem nordischen Touch.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht ?

Ich glaube alles richtig machen kann man kaum je… Ich bin aber besonders stolz, dass wir 2020 als Unternehmen überstehen werden und den Lebensunterhalt von allen Angestellten und Flechterinnen sichern konnten. Das war nicht einfach. Mit den weltweiten Lockdowns brachen unsere üblichen Absatzmärkte und auch unsere Logistikketten fast vollkommen zusammen. Durch die Finanzierung von Produktinventar, einzelne besonders treue Partnerläden und die neuen Onlineshops schaffen wir es nun durch dieses schwierige Jahr. Aufgrund von Gesundheitskampagnen für die Flechterinnen, Händedesinfektionsstellen und Home-Office (auch für die Flechterinnen) blieben bis jetzt auch alle gesund.

Wie ist Euer Startup finanziert ?

Es ist unser absolutes Ziel WomenCraft 100% über den Verkauf zu finanzieren – nur so kann unser Unternehmen nachhaltig sein. Zurzeit haben wir noch einzelne Privatkredite und unsere Familien unterstützen uns teilweise noch im Lebensunterhalt.

Was sind Eure Pläne und Ziele für die nächsten 12 Monate ?

In den nächsten 12 Monaten müssen wir unseren Anteil am Direktverkauf auf rund 30% des Gesamteinkommens bringen. Dazu müssen wir auf die Vermarktung unserer Onlineshops fokussieren und auch hoffen, dass die physischen Märkte, wie Weihnachtsmärkte, im 2021 wieder stattfinden können. Wir müssen auch die wegen COVID zusammengebrochenen Absatzkanäle wiederaufbauen.

Vielen Dank für das Interview.

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